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Der Schein trügt

pastinakengnocchi 9

Vor einer guten Woche klingelte es unerwartet an unserer Tür. Ich öffnete. Die Nachbarin von nebenan streckte mir strahlend eine großformatige Zeitschrift entgegen. Ich würde doch so gern kochen, ob das nicht etwas für mich sei? Ich bedankte mich, plauderte noch ein wenig mit ihr und sah mir die Zeitschrift später genauer an. “happinez, kochen – Sinnlich kochen, gutes Essen für Körper und Seele”. Sofort schrillte meine Esoterikwarnglocke. Schublade auf, Urteil gefällt. Ich blätterte noch kurz zerstreut, sah aufwendig fotografierte Teller und las von wilden Gewürzmischung quer durch aller Herren Länder. Nichts für mich, dachte ich, legte die Zeitschrift beiseite und vergaß sie. Erst am Abend, als Herr H. sie in die Hand nahm und fragte, was das denn sei, erinnerte ich mich. Ich gab mein abschätziges Urteil kund und schnippelte weiter. Er blätterte interessiert und begann sogleich, die Zeitschrift mit vielen bunten Markern zu versehen. Ich seufzte innerlich und hoffte, er würde sie ebenso schnell wieder vergessen wie ich. Aber daraus wurde – zum Glück – nichts. Bereits am nächsten Abend bestand er darauf, das erste Rezept nachzukochen.

Für die Pastinaken-Gnocchi:

  • 300 g Pastinaken, in der Schale gegart, im Backofen ausgedampft
  • 200 g Kartoffeln, in der Schale gegart
  • 100 g Mehl (evtl. etwas mehr)
  • 25 g Kartoffelstärke (ich: Kartoffelmehl)
  • 1 Eigelb
  • Salz

gnocchiteig serie

Ich garte Kartoffeln und Pastinaken in separaten Töpfen ca. 20 Minuten, ließ die Pastinaken anschließend 10 Minuten im auf 150°C vorgeheizten Backofen ausdampfen und pellte währenddessen die noch heißen Kartoffeln. Ich gab sie durch die Kartoffelpresse. Herr H. hatte inzwischen die Pastinaken gehäutet, die ich nun ebenfalls durch die Presse gab. Das ging relativ schwer, ich bangte etwas um das Leben der Presse und würde sie vielleicht beim nächsten Mal einfach heiß pürieren und dann etwas ausdampfen lassen. Nun gab ich die restlichen Zutaten für den Teig in die Schüssel, verknetete alles kurz zu einem homogenen Teig und formte 4 Rollen mit ca. 2 cm Durchmesser daraus. Herr H. schnitt davon ca. 1,5 cm lange Stücke ab, die ich über die Gabel hüpfen ließ. Die bereits fertig geformten Gnocchi durften auf begrießter Fläche ruhen. Anschließend garte ich sie portionsweise, schreckte sie kalt ab und legte sie auf einer Schneidematte ausgebreitet zur Seite.

Für den Möhren-Koriander-Salat:

  • 1 rote Zwiebel, fein gewürfelt
  • 400 g Möhren, längs halbiert, in Scheiben geschnitten
  • 10 g kandierter Ingwer (ich: frischer + 1 TL Zucker)
  • 3 EL Pflanzenöl
  • 1/2 TL Kreuzkümmel, geröstet und gemahlen
  • 1/4 Sternanis, geröstet und gemahlen
  • 75 g frisch gepresster Orangensaft
  • 1 – 2 EL Zitronensaft
  • 1 TL Ahornsirup (ich: Honig)
  • frischer Koriander nach Belieben
  • 1 – 2 EL Sojasauce

salat serie

Nachdem alle Zutaten bereit gestellt und geschnippelt waren, erhitzte ich das Öl in einem Topf, schwitzte die Zwiebeln darin an und fügt anschließend die Möhren hinzu. Ich legte den Deckel auf, reduzierte die Hitze und ließ sie ca. 12 – 15 Minuten schmoren. Dann gab ich die Gewürze, den Orangen- und Zitronensaft hinzu, schmeckte mit Sojasauce ab und probierte. Erstaunt stellte ich fest, dass diese schlichte Aromenmischung überraschend gut schmeckte. Ein Punkt für die happinez.

Für die rote Currysauce:

  • 1 EL Butterschmalz
  • 1 TL rote Currypaste, selbst hergestellt oder fertig gekauft
  • 1 TL Edelsüß-Paprika
  • 1 EL Mehl
  • 130 g Kokosmilch
  • 130 g Gemüsebrühe
  • 1 TL Zucker
  • 1 EL Limettensaft
  • frische Petersilie nach Belieben
  • 25 g Erdnusskerne, geröstet, grob gehackt
  • Chiliflocken zum Bestreuen

sosse serie

Ich erhitzte das Butterschmalz in der Wokpfanne und schwitzte Currypaste, Paprika und Mehl darin 2 – 3 Minuten an. Dann löschte ich mit Kokosmilch und Brühe ab, ließ die Sauce einmal kurz aufkochen und reduzierte die Temperatur. Nach weiteren 3 Minuten Köchelns schmeckte ich mit etwas Salz, Zucker und Limettensaft ab und war erneut erstaunt ob des guten Geschmacks. Herr H. hatte inzwischen die Erdnüsse geröstet und gehackt und die Gnocchi einige Minuten in heißem Butterschmalz erwärmt. Fertig.
pastinakengnocchi serie

Fazit: Selten hat uns ein recht exakt nachgekochtes Gericht so umwerfend gut, neu und anders geschmeckt. Herr H. bemerkte während des Essens ganze 3 mal, wie gut es ihm schmecke und er ist normalerweise mit seinem Lob eher sparsam. Ich fand das Spiel der Aromen und Konsistenzen verblüffend gelungen. Vielleicht ist es an der Zeit, einmal die alten Schubladen gründlich auszulüften und sich gegebenenfalls von ihnen zu trennen, auch wenn sie auf den ersten Blick das Leben zu vereinfachen scheinen, da man nicht bei jedem neu auftretenden Ereignis erst lange grübeln muss. Ich werde darüber nachdenken. Das mit den Urteilen ist ein weites Feld.

Aus: happinez Kochen – Sinnlich kochen, gutes Essen für Körper und Seele Heinrich Bauer Zeitschriftenverlag KG

Ein Kommentar

  1. Wiegesagt, uns ging es damit genauso. Komischerweise zhab’ ich es seitdem nimmer gemacht… schade eigentlich. Aber noch gibt es ja Pastinaken… 🙂

    • Ja, die gibt es noch und wir haben inzwischen auch etwas mehr aus dem Heft getestet. Die Rezepte sind teils richtig gut! 🙂

  2. Bei uns zuhause bin ich der Herr H. 😀 ! Ich kämpfe ständig für neue Zutaten oder Gewürze. Aber mein Herr L. erweist sich, anders als du, als einigermaßen unbeweglich. Aber hin und wieder schaffe ich es dann doch, auch seine Schubladen zu lüften ;-).
    Danke für das fabelhafte Gericht!
    Liebe Grüße Maren.

    • Gern geschehen, Maren. Es ist nicht so, dass ich zu Neuem überredet werden muss, aber Herr H. ist oft da weitsichtiger, wo ich dazu neige, engstirnig zu sein. 😉
      Liebe Grüße,
      Eva

  3. Oh la la. Das liest sich hervorragend – den Möhrensalat werde ich die Tage mal ausprobieren (hab irgendwie grad zu viel Möhren im Haus). Ich hätte die Zeitschrift wohl ebenso wie du ad acta gelegt – bzw. mache ich um die schon seit jeher einen Bogen, wenn ich nach interessanten Koch- und Back-Zeitschriften im Handel fahnde (und das mache ich relativ oft) 😉

    • Danke, Antje. Der Salat war wirklich überraschend gut. Ich habe tatsächlich kürzlich auch zum ersten Mal nach Koch- und Backzeitschriften gestöbert (musste auf den Zug warten ;-)), aber da war absolut nichts interessantes dabei. Irgendwie finde ich Bücher besser.

      • Ich mag Zeitschriften sehr gern – allerdings muss ich auch immer lange suchen, um etwas Gutes zu finden. Ich kaufe ab und zu die Lecker Bakery (blöder Name), die Slowly Veggie (auch nicht besser) und die Lust auf Genuss (hält immer, was der Name verspricht). Wobei ich die Quellen ja nie nutze, um sie “nachzukochen” sondern immer “nur”, um Anregungen für eigene Ideen zu gewinnen. Mit den Dreien klappt das sehr gut.
        Für mich gibt es nach einer anstrengenden Geschäftsreise nichts Entspannenderes, als in der Bahn abzuhängen und in einer anregenden Kochzeitschrift zu blättern 🙂

        • Ich habe nichts gegen Zeitschriften. Ich kaufe sie nur nicht, vieleicht fehlen mir die anstrengenden Geschäftsreisen. 😉

  4. Diese Zeitschrift hatte ich wohl mal in den Händen….und habe sie wieder weggelegt. War wohl doch nicht so schlau von mir.
    Aber sag mal……Kartoffelmehl/Kartoffelstärke, ist das denn nicht ein und dasselbe?

    • Don’t judge a book by its cover. 😉 Fällt mir allerdings auch oft schwer.
      Kartoffelmehl. Also. Meins ist von der Adlermühle, leicht gelblich und relativ grobkörnig und ich vermute, dass es sich um etwas ähnliches wie Püreepulver handelt (also ganze Kartoffeln beinhaltet). Die Kartoffelstärke, die ich kenne, ist viel feiner, heller und besteht wirklich nur aus der Stärke der Kartoffeln – fragt jetzt bitte nicht, warum ich das Kartoffelmehl einst bestellt habe… 😉

      • OK. Dann habe ich Kartoffelmehl noch nie gesehen 🙂

  5. Zeitschriften- ganz selten nur noch, und diese hätte ich wahrscheinlich ebenso links liegengelassen. Zu Vorurteil:
    Der gesunde Menschenverstand ist nur eine Anhäufung von Vorurteilen, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat.
    Zum Glück wird man hier und da eines Besseren belehrt….

    • Ich habe, ehrlich gesagt, noch nie eine Kochzeitschrift gekauft. Hatte mal diverse E & T ausgeliehen und fand kein einziges interessantes Rezept darin.
      Schon mit 18 ist alles fertig geprägt? Ich hatte Hoffnung, man könne auch später noch etwas ändern… 😉

  6. Jetzt sind mir in kürzester Zeit drei mal hintereinander Pastinakengnocchi begegnet… Wenn das kein Zeichen ist! 🙂

    • Die vorherige Begegnung trug auch bei mir ihren Teil bei. 😉

  7. Ich finde ja, die Pastinaken sind ja allgemein unterbewertet, hier in Deutschland. Wie schön so ein ansprechendes Rezept zu finden. Danke für’s teilen

    • Gern geschehen, Ulrike. Ich habe Pastinaken auch erst im letzten Jahr für mich entdeckt und es war ad hoc eine große “Liebe”. 🙂

  8. Haha, die Zeitschrift habe ich auch geschenkt bekommen 🙂
    Und Pastinaken-Gnocchi gab es hier aus schon, allerdings nicht aus dem Heft. Die haben uns auch sehr gut geschmeckt. Ich werde mir das Heft auch gleich mal wieder raussuchen – Danke für die Erinnerung.

    • Gern, geschehen, Sandra. Und ich dachte, es handele sich um eine gänzlich unbekannte Zeitschrift, was wohl noch alles unbemerkt an mir vorbei geht. 😉

  9. So kann’s gehen, dass man unerwartet auf etwas Feines stößt. Klingt ja wirklich ungewöhnlich.
    Esoterikwarnglocken habe ich auch einige eingebaut, allerdings haben die bei Kochzeitungen bisher nicht nie geläutet. 😉

    • Ich finde es faszinierend, dass es immer wieder diese Überraschungen gibt, denn oft habe ich das Gefühl, schon so viel zu kennen. So täuscht man sich.
      Und Esoteriker können halt auch nicht nur von Luft und “Erleuchtung” leben. 😉

  10. Ich komme ja kaum an Kochzeitschriften vorbei. Trotzdem ich sie inzwischennicht mehr kaufe. Meist kennt man ja alles darin (oder es sind nur Varianten). Aber das hier ist doch mal was Neues, obwohl ich kein Freund der Pastinake bin. Nichts lebt länger als ein Vorurteil. Jetzt werde ich sie probieren.

    • Kein Freund der Pastinake? Bin gespannt, ob sie dich in dieser Form doch noch für sich gewinnen kann. 🙂

  11. Den Zeitschriftentitel fand ich bisher auch abschreckend … und irgendwie weiß ich nicht, ob ich mich an die seltsame Mischung aus Gnocchi mit rotem Curry rangewagt hätte. Wie gut, dass es Leute gibt, die so was ausprobieren! Ja, mehr Schubladenlüften tut mir sicher auch gut.

    • Ich fand die Mischung auch sonderbar, aber es hat wirklich außerordentlich gut geschmeckt.

  12. Da sagst du was… ich habe gerade Kochzeitschriften der letzten 15 Jahre ausgemistet 😉 einige hab ich aber als Erinnerungsstücke aufbewahrt…
    Und das ist ja mal ein richtiges Cross-over food 🙂

    • Oh, da war die Tonne bestimmt mehr als voll.:-)
      Ja, cross-over, das verpönte. Ich war auch sehr skeptisch, aber es war tatsächlich einfach super!

  13. Mit Pastinaken weiß ich bis auf ein gelungenes, würziges im Ofen-back-Rezept nicht allzuviel anzustellen. In der Suppe sind sie mir i.d.R.zu süß. Aber mit Kartoffel gemischt als Gnocchis, klingen sie höchst verführerisch. Bloß gut, dass die Zeitung nicht in’s Altpapier gewandert war! 😉

    • Aus dem Ofen finde ich sie auch köstlich. In die Suppe wandern sie auch bei mir eher selten und ansonsten habe ich noch nicht viel mit ihnen ausprobiert. Als Gnocchi waren sie auf jeden Fall überzeugend. Und in der Zeitschrift gibt’s noch einige andere interessante Rezepte. 😉

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