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Den Dingen ins Auge sehen

sauerkrautauflauf 7

Natürlich kann man sich alles schön reden. Aber der Körper lügt nie. Seit einer guten Woche ist es hier im Norden eher herbstlich als sommerlich. Der Kalender ist dem Wetter völlig schnuppe. Ein Tiefdruckgebiet jagt das nächste und beim Spazierengehen tut man gut daran, den nächsten großen Baum in der Nähe zu wissen. Noch trägt er genügend Laub, um vorm Sturzregen Schutz zu bieten. Als Herr H. und ich am Samstag nach Hause zurückkehrten und die Frage nach dem Abendessen auftauchte, schlug er leichte, gehobene Küche vor. Ich fröstelte, blätterte im alten, handschriftlichen Kochbuch und plötzlich schlug mein Herz höher. Sauerkrautauflauf. Trostspendend, erinnerte ich mich. Herr H hatte ihn vor Urzeiten stets für mich gekocht, wenn die Welt sich gar zu grau und gemein präsentierte. Ich hielt ihm das Buch hin und sofort breitete sich ein leichtes Lächeln in seinem Gesicht aus. Wir machten uns sogleich ans Werk.

Für das Kartoffelpüree:

  • 250 g Kartoffeln (geschält gewogen)
  • 75 g Sahne und Milch halb und halb
  • 20 g Butter
  • Salz, schwarzer Pfeffer, etwas Muskat

püree serie

Ich garte die Kartoffeln in sehr wenig Salzwasser, hob sie aus dem Topf und ließ das restliche Wasser verdampfen. Dann erwärmte ich Milch, Sahne und Butter, gab die Kartoffeln durch die Presse hinzu, würzte mit Salz, Pfeffer und Muskat und vermengte alles zu einem luftigen Püree. Herr H., der Püreeexperte, beäugte es kritisch und rührte noch einen weiteren Schluck Milch ein. Ein Püree dürfe niemals zu fest sein. Wie auch immer.

Für das Sauerkraut:

  • 1 mittelgroße Zwiebel, fein gewürfelt
  • 1 EL Butterschmalz
  • 300 g Sauerkraut
  • 60 g Weißwein
  • 15 g Zucker
  • 1 Lorbeerblatt
  • (ich: 3 Wacholderbeeren, angedrückt)
  • Salz
  • 150 g geräucherte Mettenden oder Kohlwurst, in Scheiben geschnitten

sauerkraut serie

Herr H. schwitzte die Zwiebeln in Butterschmalz glasig, fügte Sauerkraut, Wein, Zucker und Gewürze hinzu und ließ alles abgedeckt 15 Minuten bei milder Hitze köcheln. Sein Sauerkrautauflauf damals sei mitnichten etwas schlichter in der Zubereitung gewesen, sinnierte er. Kartoffelpüree aus dem Beutel, Hackfleisch mit Zwiebeln angebraten. Sauerkraut einfach direkt aus der Dose darauf und ordentlich Gouda zum Überbacken. So schlecht sei es nicht gewesen, bestätigte ich, wobei aus heutiger Sicht Tütenpüree wirklich nicht fein sei. Mit Schaudern erinnerte ich mich an die leicht körnige Konsistenz und den “flachen”, pappigen Geschmack.

Für die Eicreme:

  • 1 Eigelb (oder 1 kleines Ei)
  • 2 EL Senf
  • 2 EL Honig
  • je 2 EL Crème Fraîche und Joghurt
  • Salz, schwarzer Pfeffer

peeke serie

Ich verrührte alles Zutaten für die Creme, von Herrn H. liebevoll “Peeke” genannt in einer Schüssel und als das Sauerkraut fertig war, mischte Herr H. die Kohlwurstscheiben darunter und das “Schichten”, ich merke schon, wir müssten dringend mal wieder eine Torte machen, konnte beginnen.
füllen serie 1

Zunächst strich ich das Püree in der gefetteten Form glatt. Darauf drapierte ich kunstvoll das Kraut und verteilte die Eicreme darüber. Herr H. hatte inzwischen den Backofen auf 200°C vorgeheizt. Ich schob die Form für 20 Minuten hinein und schon bald durchzog ein unwiderstehlicher Duft die Küche. Ich war zwar etwas skeptisch, ob man den Auflauf auch auf dem Teller gut in Szene setzten könnte. Herr H. hingegen hatte keinerlei Bedenken.
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Fazit: Ich vertraute seinem Urteil und richtete für uns an. Herr H. brachte den Fototeller in die Küche und sagte, wenn es nur halb so gut schmecke, wie es röche, würde er darauf bestehen, den Auflauf mindestens einmal pro Woche serviert zu bekommen. Ich probierte den ersten Bissen und war absolut hingerissen. Die Qualität des Auflauf steht und fällt allerdings mit der verwendeten Kohlwurst, da sie mit ihrem kräftigen Raucharoma alles verbindet. Wenn also der Herbst meint, dass er in diesem Jahr so früh kommen muss, dann kann er das meinetwegen gern tun. Ein so leckeres Essen entschädigt mich allemal, ich genieße die nächtliche Kühle im Schlafzimmer und die angenehme Morgenfrische beim Laufen.

Aus: Da ich das Rezept schon vor Jahren (ohne die Quelle zu notieren) abgeschrieben habe, kann ich nur vermuten, dass es aus einem der zahlreichen Bücher von Alfred Biolek stammen könnte.

Ein Kommentar

  1. bei uns Schwaben nimmt man natürlich Spätzle über und unter dem Kraut, und auch eine Kohlwurrst wird sich hier nicht finden, sondern ein guter “grauchter Bauch” … und wenn das Sauerkraut gut ausgewaschen wurde darf ich auch zugreifen, schmeckt nämlich einfach gut.

    • Andere Länder, andere Sitten. 😉 Mir gefällt das cremige Püree recht gut in Verbindung mit dem Kraut. 🙂

  2. Wieder hast du es wunderbar verstanden ein Rezept so völlig anders zu präsentieren. “Onkel Alfred” kenne ich auch. 😉

    • Danke, Mayumi. Wer kennt ihn in Deutschland auch nicht? 😉

  3. ich bin inspiriert fantasiere grad ein bisschen rum – vielleicht das Ganze mit einer würzigen Chorizo? Jedenfalls knurrt mir jetzt der Magen, dankeschön ;-))

    • Ich bin nicht sicher. Ich hatte die Kohlwurst auf der Linsen-Quiche und ein anderes Mal Chorizo. Mit Kohlwurst war sie um Längen besser und ich vermute, das lässt sich auch auf’s Kraut übertragen. Bin gespannt, wie du das siehst!

  4. turbohausfrau turbohausfrau

    Ahhh, genial, ein Auflauf für Zahnlose! 😀 (Copyright für diesen Arbeitstitel liegt bei Robert …)
    Ich denk irgendwie grad an Blunze (Blutwurst) auf dem Sauerkraut, weil ich im Tiefkühler eine entdeckt habe. Wir brauchen auch bald Winteressen, fürchte ich.

    • Nicht ganz, die Wurst bietet noch erheblichen Kauwiderstand. 😉
      Blunze kann ich mir gut dazu vorstellen. Ist das immer noch die vom letzten Jahr?

      • turbohausfrau turbohausfrau

        Nein, nein, so lange dann doch wieder nicht. 😉
        Außerdem haben mich liebe Nachbarn mit Paradeisern und Zucchini in unglaublichen Mengen versorgt, damit muss leider dein Auflauf ein wenig warten. Obwohl das Wetter mehr nach deinem Auflauf schreien würde …

        • Na, dann bin ich ja beruhigt. 😉
          Es wird bestimmt noch einen schönen Altweibersommer geben, glaub’ mir!

  5. Bei einem solchen Rezept kann man Petrus nur danken dafür, dass er mal eine Ausnahme macht im Sommer mit sommerlichen Temperaturen. 🙂 Ich mag nasses und kaltes Wetter nicht besondes, aber Dein Rezept umso mehr. 🙂 Liebe Grüsse Roger

    • Danke, Roger. Ich mag eigentlich alle Jahreszeiten, nur den Winter nicht besonders, aber er gehört hier halt zum “Programm”, also akzeptiere ich ihn. 😉
      Liebe Grüße,
      Eva

  6. Herrlich! Noch nie vorher so gesehen, aber das Interesse ist geweckt 🙂
    Und hier im Allgäu ist das Wetter auch nicht besser, aber perfekt für das Brauhaus mit Krustenbraten und Dunkelbiersosse 😉

    • Ich kann ihn dir nur wärmstens empfehlen.
      Zu blöd, dass ihr kein schönes Wetter habt, aber der Krustenbraten macht mich gerade ein wenig neidisch. 🙂

  7. Mit Speck fängt man Mäuse und mit Sauerkraut mich. Bisher meint es der Spätsommer noch gut mit uns, wenn nicht mehr, dann gibt auch bei uns wieder Sauerkraut!

    • Gut zu wissen. 😉 Ein paar Sauerkrautrezepte habe ich noch in petto.

  8. Das richtige Essen im “falschen” Sommer. Das gefällt mir so gut.
    Liebe Grüße
    Gerd

    • Danke, Gerd. Das wäre auch ein guter Titel gewesen!
      Liebe Grüße,
      Eva

  9. Eva Eva

    ich sag einfach mal nichts über unseren derzeitigen Hamburger August (nur so viel: heute Morgen 5°C auf der Fahrt zur Arbeit ;-)) – euer Auflauf klingt köstlich uns ist ganz nach meinem Geschmack; er kommt ganz weit nach oben auf die Nachkochliste!

    • Danke, Eva. Ich bin sicher, es wird euch schmecken! Wir können nicht klagen, der 1. September ist nicht mehr weit und meteorologischer Herbstanfang. Temperaturen von unter 10°C schätze ich allerdings nicht besonders…

  10. Au ja, der passt! Hier ist es auch, sagen wir mal frisch, und ich merke selbst, dass ich wieder anfange, deftigere Dinge zu kochen. Nachher beim Einkaufen muss ich mal schauen, ob ich hier im Süden eine passende Wurst für Deinen Auflauf finde.

    • Das freut mich. 🙂 Zur Not tut’s wahrscheinlich auch ein Stück Kassler. Ich kenne euer Wurstsortiment leider nicht so gut, als dass ich etwas empfehlen könnte.

  11. Mmmmm…!!! Lecker. Ich glaube ich kanns riechen bis zu uns. Heute ist auch hier im Berner Oberland wieder mal grau und nass, da wäre dieses Gericht genau das Richtige. Liebe Grüsse. Rocío.

    • Danke, Rocio. Das klingt nach dem perfekten Wetter für den Auflauf. 😉
      Liebe Grüße,
      Eva

  12. Kunstvoll drapiertes Kraut … 😉 … aber ein wunderbares, bestens zu diesem Sommer passendes Rezept!
    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Andy

    • 😉
      Ich habe es tatsächlich gestern Abend gleich noch einmal gekocht. Mhmmm.
      Liebe Grüße aus Hamburg,
      Eva

  13. Jesses, was für ein Gedicht … ähh… Gericht! Da kann man sich den Herbst ja nur schnell herbeiwünschen. Wobei – hier in den Weinbergen scheint er angekommen…

    • Danke, Astrid. Hier macht der Herbst gerade wieder eine kurze Sommerpause, auch schön. Die Schmorzeit wird noch lang genug dauern…

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